Bevor ich ins Thema einsteige und den Entwurf einer Arbeitswelt skizziere, wie sie uns in Kürze bevorstehen könnte, möchte ich für alle normalen KI-User und sonstigen Laien, zu denen auch ich gehöre, den Begriff GENERATIVE KI erst einmal dechiffrieren. Während traditionelle KI-Systeme vor allem für die Analyse von Daten, Mustererkennung und die Vorhersage von Ergebnissen entwickelt wurden (bestes Beispiel sind Suchmaschinen im Internet), zielt generative KI bereits darauf ab, eigenständig neue, originelle Inhalte zu erschaffen, die auf erlernten Daten und Mustern basieren. Also eine auf Deep-Learning-Modellen basierende Form der KI, um neue Inhalte wie Texte, Bilder oder Videos zu erstellen. Wer alttestamentarisch-analoge Metaphern lieber mag, wir befinden uns jetzt ungefähr an dem Punkt, als ein Schöpferwesen einem Lehmklumpen göttlichen Atem eingehaucht hat, um Bewusstsein zu erschaffen.
Was bedeutet das jetzt für die Zukunft unseres Berufes? HR dreht sich im Kern darum, Menschen zu organisieren und zu verwalten – aber wie wird sich der Job in einer Zukunft verändern, in der leistungsstarke, generative KI-Tools allgegenwärtig sind?
Empathie, emotionale Intelligenz und ein Verständnis der menschlichen Natur sind unerlässlich, wenn es darum geht, eine menschliche Belegschaft zu managen. Nicht gerade Eigenschaften die Software leicht von der Hand geht!
Wird es also eine weit verbreitete Ersetzung menschlicher HR-Abteilungen durch kalte, berechnende Chatbots geben, die sich nur um die Messung menschlicher Effizienz und das Aussortieren von Schwächen kümmern? Hoffentlich nicht. Stattdessen glaube ich, dass HR-Profis generative KI nutzen werden, um Routineelemente ihrer Arbeit zu automatisieren und ihnen selbst Zeit lassen, menschliche Fähigkeiten zu entwickeln, die für ihre anspruchsvolleren Aufgaben nötig sind.
Hier ist mein ÜBERBLICK darüber, wie ich glaube, dass sich die Arbeit von HR-Abteilungen ändern wird – und, in vielen Fällen, bereits ändert. Ich werde auch einen Blick auf die weiteren Auswirkungen werfen, wie sich die Position dieser wichtigen Kräfte in der Gesellschaft in den nächsten 5 bis 10 Jahren voraussichtlich entwickeln wird.
Recruiting und Talent Management

Die Suche nach talentierten Menschen ist immer eine Herausforderung, aber generative KI-Tools werden bei der Routinearbeit helfen. Nicht nur durch schnellere Durchführung, sondern auch durch effizientere und personalisiertere Möglichkeiten, potenzielle Kandidaten anzusprechen und den Arbeitsplatz zu bewerben.
Am Anfang des Prozesses werden diese Tools verwendet, um Ideen für geeignete Kandidatenprofile zu generieren und Übersichten über die Fähigkeiten, Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale zu erstellen, die BewerberInnen für den Job geeignet machen. Dann können sie dynamische, personalisierte Stellenbeschreibungen erstellen, die darauf abzielen, einen breiteren Bewerberpool anzusprechen.
Für Unternehmen, die jedes Jahr Mitarbeitende in großer Zahl einstellen, werden sie verwendet, um anfängliche Bewertungen durchzuführen, um sicherzustellen, dass Bewerber grundlegende Kriterien erfüllen (s. hierzu auch meinen Beitrag zum Thema „Der Vor-Einstellungstest). Danach kann man damit simulierte Interviews und Rollenspiele anbieten, um Bewerbern bei ihrer Bewerbung zu helfen. Statt als Screening-Methode verwendet zu werden, sollte es als Werkzeug betrachtet werden, das Personalvermittlern und anderen HR-Profis helfen wird, ein besseres Verständnis der Bewerbenden als einzigartige Menschen zu bekommen, bevor sie sie persönlich treffen.
Für die Arbeitskräfteentwicklung
Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Arbeitskräfte mit den Fähigkeiten ausgestattet sind, die sie im KI-Zeitalter benötigen, und diese Verantwortung liegt bei den HR-Mitarbeitern.
Generative KI ist großartig für das Training – sie kann alles; von komplexen technischen Handbüchern bis hin zu einfachen Schritt-für-Schritt-Anleitungen erstellen. Öffentliche Modelle wie ChatGPT sind bereits dazu in der Lage, aber Unternehmen werden zunehmend in den Aufbau eigener privater KI-Modelle investieren, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Diese KI-Modelle können für die individuellen Lernenden personalisiert werden und deren einzigartige Fähigkeiten und Lernanforderungen berücksichtigen. Nicht ein System für alle, sondern für jedes Individuum die effizienteste Art der Wissensvermittlung.
Im Lauf der Zeit werden wir feststellen, dass generative Video- und sogar Ablauf-Simulations-Tools verfügbar werden. Diese werden verwendet, um noch ansprechendere, personalisierte Schulungserlebnisse zu schaffen. Sprachmodelle werden Feedback in Echtzeit geben, genauso als hätten die Lernenden eine Ausbildungskraft an ihrer Seite.
Es gibt hier einige Risiken – wir wissen, dass generative KI nicht immer alles richtig macht, was zu gefährlichen Fehlinformationen oder Fehlern führen kann. Daher bleibt immer die Notwendigkeit zur Transparenz über die internen Abläufe und der Überwachung durch menschliche Fachkräfte bestehen.
Arbeitsplatzmanagement und Analytik

Statt Stunden damit zu verbringen, Metriken und Statistiken zu studieren, können generative KI-Tools Daten schnell analysieren und Berichte erstellen, die wichtige Trends in der Belegschaft hervorheben.
Es kann zukünftigen Personalbedarf identifizieren und Bereiche und Ursachen für hohe Mitarbeiterfluktuation aufzeigen. Es wird schnelle, relevante Einblicke in Faktoren wie Mitarbeiterstimmung und -zufriedenheit bieten. Es wird auch verwendet werden, um narrative und visuelle Projektionen über die Auswirkungen strategischer HR-Entscheidungen zu erstellen.
All dies wird es für HR-Profis einfacher machen, das allem zugrundeliegende menschliche Element zu verstehen, das den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens determiniert.
Natürlich müssen wir vorsichtig sein, wenn es darum geht, menschliche Aktivitäten und Emotionen in Zahlen umzuwandeln. Eine Voreingenommenheit bei der Datensammlung oder -analyse kann zu unfairen Ergebnissen führen, und zu intrusive Datenerhebung oder KI-Initiativen können unglückliche Mitarbeiter und verfälschte Ergebnisse schaffen. Risiken in all diesen Bereichen müssen sorgfältig bewertet und ausgeschlossen werden.
Wahrnehmung durch Mitarbeitende
Es ist die Aufgabe von HR-Abteilungen, inklusive, positive Erlebnisse für Mitarbeitende im gesamten Unternehmen zu schaffen. Die Sicherheit, dass Mitarbeitende ihre Aufgaben effektiv ausführen können, ohne durch interne Prozesse behindert oder aufgehalten zu werden, ist eine systemrelevante Aufgabe. Hier kann generative KI auch verwendet werden, um Onboarding-Material zu erstellen, das auf einzelne neue Mitarbeitende zugeschnitten ist, Antworten auf häufige HR-Anfragen auf eine personalisierte und relevante Weise per Chatbot zu geben, oder z.B. Mitarbeiterfeedback zu sammeln und zu interpretieren.
Hier ist die Qualität von größter Bedeutung. Wenige Dinge sind so ärgerlich wie eine Unterhaltung mit schlechten Chatbots. Gleichzeitig akzeptieren immer mehr Menschen, dass diese Tools bei guter Nutzung eine sehr effiziente Möglichkeit zur Informationsbeschaffung sein können.
All dies hilft HR-Abteilungen, „Schmerzpunkte“ zu verstehen, die Mitarbeiter im Alltag durchlaufen, während sie ihre Arbeit ausführen und ihren eigenen Karriereweg gestalten.
Die veränderte Rolle der HR-Profis

Mit generativer KI, die die routinemäßigen und administrativen Elemente ihrer Arbeit übernimmt, wird sich die Wahrnehmung von HR-Profis am Arbeitsplatz dramatisch verändern. Das höhere Maß an Sichtbarkeit, das den humanzentrierten Elementen ihrer Arbeit gegeben wird, bedeutet, dass sie weniger wahrscheinlich als „hinter den Kulissen“ oder sogar „gesichtslose“ Funktionen wahrgenommen werden, sondern stattdessen tiefer in das Arbeitsleben ihrer Kollegen eingebunden werden. Die Rolle der HR-Profis für das Wohlergehen der Mitarbeitenden und bei der Entwicklung einer gesunden Work-Life-Balance für das Unternehmen, sowie bei der Förderung von Inklusion und Vielfalt wird in den Vordergrund treten.
Das bedeutet, dass der strategische Wert von HR-Profis exponentiell wachsen wird. Über die Rolle als Prozessbegleiter operativer Effizienz hinaus werden sie die Chance haben, zu Befürwortern positiver organisatorischer Veränderungen, ethischer Anwendung von Technologie und Kuratoren einer gesunden, fürsorglichen Arbeitsplatzkultur zu werden.
